Verfasst von: Martin Zinkner | Februar 13, 2008

Wie wird man eine Nation?

Der Countdown für den Kosovo läuft. Nachdem die Präsidentenwahlen in Serbien abgehalten sind, und der nicht ganz so nationalistische Amtsinhaber Tadic gewonnen hat, dürfte einer Unabhängigkeitserklärung des Kosovo nichts mehr im Wege stehen, und nach Aussagen kosovarischer und auch internationaler Politiker unmittelbar bevorstehen.

Im Rahmen eines Forschungsseminars an der Universität habe ich mich ein Jahr lang mit dem Kosovo beschäftigt. Wenn man jetzt einmal alle völkerrechtlichen Aspekte eines unabhängigen Kosovo außer Acht lässt, ist ja das Spannende bei diesem Thema die Nationswerdung eines Gebietes, das ungefähr so groß ist, wie das österreichische Bundesland Tirol. Nach der klassischen 3 Elementelehre braucht es ja für einen Staat: ein Staatsgebiet, ein Staatsvolk und eine Staatsgewalt. Diese Bedingungen erfüllt ja der Kosovo. Aber deswegen ist der Kosovo ja noch keine Nation.

 

Der Begriff Nation ist ja ziemlich aufgeladen. Auch verstehen verschiedene Gruppen verschiedene unter Nation etwas komplett Verschiedenes. Theoretisch wird hier auch zwischen Kulturnation oder Willensnation (wie die Schweiz) unterschieden.

Persönlich halte ich ja von Nation und Nationalismus nicht viel, weil diese Definitionen bestimmten Gruppen dienen, um sich gegenüber anderen abzugrenzen und hervorzuheben. Für mich selbst ist die Nation nichts weiter als ein Konstrukt, mit dessen Hilfe ein künstliches Zusammengehörigkeitsgefühl erzeugt wird. Hobsbawm skizziert die Erfindung der Nation sehr gut in seinem Buch Nation und Nationalismus (kann ich nur empfehlen zu lesen).

Wie schafft man aber nun diesen Glauben an eine Nation? Politiker und auch Medien nutzen hierfür Symbole und Mythen der eigenen Geschichte, die ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln. Was versteht man nun genau unter Symbolen und Mythen:

 

Mythos: Ein Mythos ist in wörtlicher Übersetzung des griechischen Ursprunges eine Rede beziehungsweise Erzählung. Mythen sind zentrale Bestandteile aller Kulturen und sind nicht beweisbare, jedoch für die Lebens- beziehungsweise Sinnorientierung Aussagen mit Wahrheitsanspruch. Mythen sind oft vertretene Meinungen bei Missachtung der tatsächlich auf Fakten basierenden Erkenntnissen. Im Falle des Kosovo sind das die historischen Überlieferungen, bezogen auf das albanische Volk, welche die albanische Volksgruppe bewusst von der serbischen Volksgruppe abgrenzen.

Symbol: Ein Symbol ist aus dem griechischen übersetzt ein Zeichen beziehungsweise ein Sinnbild. Es wirkt informierend, absorbiert Unsicherheiten und löst Handlungen aus. In sozialen Systemen sind sie die kulturelle Grundvoraussetzung für Interaktionen. Als Symbol wirken können Elemente der Sprache, Verhaltensweisen beziehungsweise materielle Gegenstände. Symbole werden häufig von Massenmedien entwickelt und weiter vermittelt. Sie haben eine vereinende Wirkung. Eines der wichtigsten Symbole einer Nation ist die Flagge. Noch hat der Kosovo keine Flagge. Die albanische, oder eine abgewandelte Version davon, werden sie sicher nicht verwenden dürfen. Ein weiteres wichtiges Symbol im Kosovo für die albanische Bevölkerung sind die Denkmäler für gefallene UCK Kämpfer.

Vergessen darf hier nicht werden, dass dadurch natürlich bewusst eine Abgrenzung zur serbischen Minderheitsbevölkerung geschafft wird. Eine gemeinsame Nation der Albaner und Serben im Kosovo scheint unmöglich zu sein. Auch die Serben verwenden Mythen um ihren historischen Anspruch auf den Kosovo geltend zu machen (Stichwort Amselfeldmythos).

 

Ich denke, erst wenn die Nation überwunden ist, und andere Merkmale, als historische Mythen oder kulturelle Kennzeichen wie Sprache oder Religion wichtig für eine Gemeinschaft werden, ist eine friedliche Zukunft gesichert. Die EU ist ja auch ein Projekt um den Nationalstaat zu überwinden. Jedoch werden europäische Errungenschaften wie freier Personenverkehr oder eine einheitliche Währung auf nationaler Seite von Politikern schlecht gemacht. Es wird wohl noch ein paar Generationen dauern, bis das überwunden ist.

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Responses

  1. und vor allem fehlt der EU der medienkanal, um verbindendes zu transportieren. ein EU-TV Sender in der jeweiligen Landessprache wäre ein spannendes Projekt…

  2. […] Wer muss das "bestätigen" bzw. erlauben? Diesen Fragen geht Martin Zinkner vom Geotik Blog nach. Bleibt die Frage: Werden andere dem Beispiel folgen? (Nein, ich meine nicht Kärnten) […]


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