Verfasst von: Martin Zinkner | Januar 22, 2008

Serbien&Kosovo

Am Sonntag fand die erste Runde der Präsidentenwahlen in Serbien statt. Für internationale Beobachter gewann Tomislav Nicolic die erste Runde gegenüber dem derzeitigen Amtsinhaber Boris Tadic. Diese Wahl ist eine sehr entscheidende und richtungweisende für Serbien. Nicolic ist für eine stärkere Zuwendung zu Russland, Tadic für eine stärkere Zuwendung zur EU. Eines haben jedoch beide gemeinsam: Sie wollen auf keinen Fall die Unabhängigkeit des Kosovo akzeptieren.

Der Kosovo wird mit sehr großer Sicherheit in den nächsten Monaten unabhängig werden. Die Mehrheit der Mitgliedsländer der EU sowie die USA werden eine unabhängige Republik sehr schnell akzeptieren. Russland wird eine Unabhängigkeit verurteilen und sich hinter Serbien stellen, kann die Unabhängigkeit jedoch sicher für seine eigenen geopolitischen Interessen nutzen (einige ehemalige Teilrepubliken wie Südossetien würden sich gerne wieder Russland anschließen). Einen Krieg wird Serbien nicht mehr anfangen. Ich denke, aus den Kriegen des letzten Jahrzehntes haben sie ihre Lehren gezogen. Serbien wird wieder in die Rolle des Opfers schlüpfen und sich noch mehr international isolieren. Damit schaden sie jedoch letztlich nur sich selbst. Innenpolitisch können diese Situation sicher einige Politiker für den eigenen Machterhalt nutzen. Außenpolitisch wäre eine Isolation jedoch katastrophal. Und auch die Menschen in Serbien würden noch mehr isoliert werden. Mit einem serbischen Reisepass darf man mangels Visaabkommen fast nirgends ohne langen und hohen Aufwand einreisen. Wer nach Serbien fährt, wird feststellen, wie glücklich er sein kann, wenn man im Besitz eines europäischen Reisepasses ist. Auch für den Kosovo wird es nicht einfach. Serbien hat schon angekündigt, Infrastruktur zum Kosovo zu kappen. Einen großen Teil des Stroms bezieht der Kosovo aus Serbien. Schon jetzt ist die elektrische Versorgung im Kosovo äußerst schlecht. Selbst habe ich das mitbekommen, als wir bei unserer Kosovoreise im letzten Jahr an einem Grenzübergang von Serbien in den Kosovo über eine Stunde alles still stand, weil es einfach keinen Strom gab.

Die zweite Runde der serbischen Präsidentenwahl wird ein kleiner Richtungshinweis sein. Zu befürchten ist jedoch, dass, wenn es einem Land sowieso schon schlecht geht, ein nationalistisch eingestellter Kandidat, mehr punkten kann. Das hat die Geschichte schon öfters gezeigt. Die Entwicklung am Balkan wird in den nächsten Monaten sicher gespannt zu verfolgen sein.

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Responses

  1. ziemlich gut getroffen bewundernswert das sich jemand bemüht einen neutralen und realistischen bericht heir im westen zu veröffentlichen, ausserhalb der reuters mainstream.
    denn für diese mainstream sind wir serben entweder nationalisten oder ultranationalisten. dabei wollen wir nur das recht was jedes anerkannte land hatt. recht auf teritorialer unverserheit. wir wollen nicht das die wiege des serbischen kulturellem und nationalem bewusstseins (kosovo) mit atommüll aus den westlichen kernkraftwerken zugemüllt wird, wir wollen nicht weiterhinn 1mio vertriebene serben sein die niemand hört oder niemand sieht nur weil wir serben sind. WIR WOLLEN FREI SEIN. serben in bosnien 37% weden gezwungen in bosnien zu leben albaner im kosovo 20% haben alle narrenrechte.

  2. Herr Zinkner, ihre Einschätzungen teile ich und befürchte ebenfalls eine politische Isolierung Serbiens im Falle einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung des Kosovo. Bedauerlich finde ich, dass Kostunica den Amtsinhaber Tadic bislang im Wahlkampf nicht unterstützt hat wie zuvor. Enttäuschend ebenfalls die Reaktion von chilly, der sich scheinbar naturgemäß in eine serbische Opferrolle begibt! Der Anteil der Kosovo-Albaner im Kosovo beträgt 90%, nicht 20, die Wiege der serbischen Nation ist nicht das Amselfeld, welches nur ein Kriegsschauplatz mit tödlichem Ausgang für den serbischen Fürsten Lazar im Kampf gegen die Osmanen war. Übrigens waren da auch andere Balkanvölker dabei. Diese ständige Mythenbildung im Balkan und das nationalistisch motivierte Inbeschlagnehmen von Geschichtsereignissen diente noch nie der Aussöhnung der Völker untereinander! Vielleicht sollte das demokratische Aufrollen der größtenteils gemeinsam erlebten Geschichte nach jahrelangem Hin und Her intensiver von den Vermittlern der Troika, der UN-Sondergesandten und der Konfliktparteien in Angriff genommen werden, um eine letztlich akzeptable Lösung herbei zu führen.

  3. Ich selbst habe mich an der Universität ein Jahr lang intensiv mit dem Kosovo beschäftigt. Gemerkt habe ich damals, wie schwierig und komplex dieses Problematik ist. Einfache Lösungen gibt es nicht. In bestimmten Gesichtspunkten kann man jeder Seite recht geben. Und das immer wieder Mythen bedient werden, um sich zu rechtfertigen ist ein interessante Phänomen, dass ja nicht nur im Kosovo zu beobachten ist. Sämtliche Nationen machen das. Sie sind für die Politik ein wichtiges Instrument um ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Aber sie sind halt auch ein sehr gefährliches Instrument.
    Im Falle des Kosovo, sehe ich zum jetzigen Zeitpunkt auch keine andere Möglichkeit als die Trennung von Serbien. Defacto bilden sie keine Einheit mehr. Ich selbst würde mir auch wünschen, wenn verschiedene „Ethnien“ in einem Land zusammen leben könnten. Aber in diesem Fall sehe ich keine Möglichkeit. Dafür ist speziell in der Zeit seit den Balkankriegen zuviel geschehen.


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